Die Kinder sind Könige von Delphine de Vigan

Gerade deswegen so erschreckend, weil das Thema so real ist. 

Ich bedanke mich bei vorablesen und dem Dumont Verlag für das Rezensionsexemplar. Diese Rezension gibt meine Meinung wider und wurde in keiner Weise beeinflusst. 

Inhalt

Mélanies Traum war es schon immer berühmt zu sein. So leicht und einfach, wie die Menschen in den Reality-TV-Shows.
Mit dem Aufkommen von YouTube und Instagram gelingt ihr das, denn dort macht sie ihre Kinder zu Influencern, die mit ihrem Channel Happy Récré alle Rekorde brechen. Doch dann verschwindet ihre 6-jährige Tochter Kimmy beim Verstecken spielen.

Vielleicht war es tatsächlich so, dass alles während dieser wenigen Wochen begonnen hatte. Diese Durchlässigkeit des Bildschirms. Dieser nun mögliche Übergang vom Sehen zum Gesehenwerden. Dieses Gesehen-, Erkannt- und Bewundertwerden-Wollen. Dieser Gedanke, es sei für alle und für jeden erreichbar. Man musste nichts herstellen, schaffen oder erfinden, um ein Recht auf seine „fünfzehn Minuten Ruhm“ zu haben. Es reichte, wenn man sich zeigt und im Mittelpunkt oder vor dem Objektiv blieb.“

S. 15 – Achtzehn Jahre zuvor

Meine Meinung

Das Cover ist…

Das Cover finde ich etwas eigenartig positioniert, denn der obere Teil der Schrift ist so abgeschnitten und dadurch wirkt es nicht ganz bzw. als würde was fehlen oder es ein Fehldruck sein. Aber zum Glück geht es ja nicht nur um das Cover. 😉

Denn das Buch war einfach nur klasse. Ich war voll in der Story drin und regelmäßig einfach nur sprachlos und geschockt, das Mélanie einfach nicht sieht, was sie ihren Kindern antut. Zunächst lernt man sie etwas näher kennen und auch wie sich dieser Gedanke, berühmt und geliebt zu werden immer mehr bei ihr festsetzt, aber trotzdem konnte ich sie nicht verstehen. Wenn die anderen Personen beschreiben, wie sie sehen, dass Kimmy sich abwendet und einfach nicht mehr gefilmt werden möchte, sind das für Mélanie alles nur Neider, die ihnen den Ruhm nicht gönnen. Denn für sie ist das was sie da macht etwas Wundervolles und natürlich wollen ihre Kinder das doch auch. Wie kann man das nicht wollen?

Happy Récré war ein Geschenk, das sie ihrer Familie gemacht hatte. Ein Geschenk, das Glanz in ihr gemeinsames Leben gebracht hatte.“

S. 75

Ständig gefilmt zu werden für Instagram Stories oder Drehtermine für YouTube Challenges einhalten zu müssen. Jedes sechs- bzw. achtjährige Kind möchte das doch lieber als draußen zu spielen.

Sie hatte Nein sagen wollen. Nein, wir haben keine Zeit, wir müssen noch Hausaufgaben machen und ein Video für Instagram drehen.“

S. 60

Wow, ich war einfach nur sowas von platt, besonders, weil das ja kein Thema ist was sich die Autorin einfach so ausgedacht hat, sondern das passiert wirklich überall auf der Welt.
Ich habe jetzt die Fakten zu diesen Channels mit Kindern nicht geprüft, aber ich denke mal, dass die Autorin da doch recherchiert hat und fast alles davon so stimmt. Es ist einfach grauenvoll, dass Mélanie bis zu Ende nicht sieht, wie sie ihre Familie kaputt macht. Das sie die Entführung ihrer Tochter nicht bis zum letzten ausschlachtet ist schon alles.

Um einem das alles noch näher zu bringen finde ich den trockenen, nüchternen Erzählstil der Autorin geradezu perfekt. Hier wird man nicht durch viele Dialoge abgelenkt, sondern erfährt eins nach dem anderen, wie die Welt von Mélanie so aussieht und was sie ihren Kindern damit antut, ohne es bemerken zu wollen. Sie lebt einfach in ihrer eigenen Bubble und hat ja ihre „Lieben“ auf Instagram, die sie unterstützen und auffangen.

Der Gegenpart der Geschichte ist Clara. Sie ist eine der Flics (Polizist*innen in Frankreich), die in dem Entführungsfall ermittelt.

Hier wählt die Autorin ganz bewusst eine Person, die so ganz anders ist als Mélanie. Ihr Eltern haben sie ganz anders aufgezogen und waren von Anfang an den neuen Medien skeptisch gegenüber eingestellt, dadurch ist diese Welt von Mélanie „neu“ für Clara. Doch da sie ein sehr penibler Mensch ist und sich bis zum letzten in ihre Arbeit hineinstürzt, schaut sie sich viele der Videos von Kim und Sam an und kann es doch nicht verstehen. Was sie aber versteht ist, dass die Kinder leiden. Und doch bleiben die beiden Kinder auf der Strecke und können sich nur alleine befreien, denn selbst Gesetze schützen Kinder nicht vor dem Social Media Wahn der Eltern. Eine Grauzone.

Mit einem großen Zeitsprung erfahren wir dann auch, wie es Kim und Sam ergangen ist und was aus allen Beteiligten geworden ist. Das fand ich auch sehr gut, denn so endet es nicht mit der Entführung, sondern gibt einen Einblick, wie die Nachwirkungen von jahrelangem Filmen auf die Geisteszustände von Kindern einwirken.

Wie gesagt ich war einfach nur fassungslos darüber, dass Mélanie bis zum Ende kaum ein Einsehen hat. Und so hat mich das Ende des Buches sehr aufgewühlt. Ich wünsche einfach nur Kim und Sam alles gute und hoffe, dass sie doch noch heil aus der Sache rauskommen.


Mein Fazit

Ein Buch das aufwühlt. Ein Buch das mich fassungslos gemacht hat. Ein Buch das mich wütend gemacht hat und bei dem ich einfach nur die Protagonistin schütteln wollte, damit sie endlich die Augen aufmacht und erkennt was sie da ihren Kindern antut.
Das Buch ist so erschreckend, weil es so realitätsnah ist und dies genauso überall auf der Welt Kindern passiert. Und ich meine hier nicht die Entführung, sondern die Geschichte dahinter. Dabei trägt die Story der nüchterne Erzählstil der Autorin und macht es einfach noch realer für einen. Ich kann das Buch einfach nur weiterempfehlen, es ist wichtig und vermittelt eine Botschaft, die einem Hilfeschrei gleich kommt. Sehr gelungene Lektüre!

Fakten zum Buch
Autorin: Delphine de Vigan
Titel: Die Kinder sind Könige
Originaltitel: Les enfants sont rois
Übersetzung: Doris Heinemann
Verlag: Dumont
Seitenzahl: 317
ISBN: 978-3-832181888
Preis: 23,00€

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