[Aktion] Writing Friday: Philipp

Freitag ist Geschichtentag! 😀

Das hat doch im Juni ganz gut geklappt mit mir und dem Writing Friday. 🙂

Elizzy von readbooksandfallinlove hat diese tolle Tradition ins Leben gerufen und freitags werden dann Geschichten zu Themen, die sie für den Monat vorgibt veröffentlicht.  

Hier nochmal die Regeln im Überblick:

  • Jeden Freitag wird veröffentlicht
  • Wählt aus einem der vorgegeben Schreibthemen
  • Schreibt eine Geschichte / ein Gedicht / ein paar Zeilen – egal Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben
  • Vergesst nicht den Hashtag #WritingFriday und den Header zu verwenden
  • Schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch!
  • Habt Spass und versucht voneinander zu lernen

Die Schreibthemen für Juni sind:

  • Jasmin trifft eine mutige Entscheidung; Erzähle welche, dies ist und was Mut für sie bedeutet.
  • Du wachst auf und steckst mitten in deinem aktuellen (oder vor kurzem gelesenen) Buch, was geht da vor? Und welches Buch ist es?
  • Schreibe eine Geschichte und flechte darin folgende Wörter mit ein: Sonne, Stimmung, Freunde, liebevoll, Verständnis
  • Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz “Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun…” beginnt.
  • Deine vier Wände unterhalten sich darüber, dass du nun so viel zu Hause bist. Über was plaudern sie? Schreibe einen kreativen Dialog. 

Viel Spaß beim Lesen!


Philipp

Der Regen fiel in Strömen auf sie herab, nun musste sie sich doch einen Unterschlupf suchen und ihren Warteposten im Park aufgeben.
2 Stunden hatte sie auf der Parkbank gesessen und auf Philipp gewartet. Doch bis jetzt war er nicht aufgetaucht, obwohl er versprochen hatte diesmal wirklich zu kommen. Schon öfter hatte sie erleben müssen, dass er ihr gesagt hat er würde kommen, aber dann kam was dazwischen oder er hatte es vergessen. Beim letzten Mal kam ein Einbruch dazwischen und er wurde für 14 Monate ins Gefängnis gebracht. Dort konnte sie ihn endlich mal besuchen ohne dass er sich vor einem Treffen mit ihr drücken konnte. Und sie haben geredet, viel und über fast alles was ihnen beiden so durch den Kopf ging. Über ihre Kindheit im Heim zum Beispiel und sie hatte zum ersten Mal erfahren, wie er sich gefühlt hat als sie in verschiedene Familien gegeben wurden. Verlassen und vor allem fühlte er sich im Stich gelassen von ihr, obwohl sie selber auch nur zwei Jahre älter war als er und nichts hätte unternehmen können. Doch sie verstand warum er als Fünfjähriger so gedacht hat. Sie konnte ihm seine Wut und Trauer verzeihen und das hatte sie auch. Sie selber war auch wütend gewesen. Auf ihre Hilflosigkeit als sie ihren kleinen Bruder mitgenommen haben. Es sei zu seinem besten hatten sie gesagt und wenn sie ihn jetzt so sah, weiß sie nicht warum das besser sein sollte in einem Gefängnis zu sein, weil ein Einbruch schief gegangen war.

Doch mit sieben konnte sie nichts gegen die Trennung tun. Erst als sie älter geworden war konnte sie sich wehren und hat ihn aufgespürt. Das war vor fünf Jahren und nun versucht sie ihn zu retten. Zumindest das was noch zu retten war. Seit fünf Jahren versucht sie ihn von Diebstählen und Einbrüchen abzubringen. Sie hat ihm schon mehrere Jobs besorgt, aber immer wieder verliert er sie. Den letzten, weil er beim Klauen am Arbeitsplatz erwischt wurde.

Warum?

Das hat sie ihn schon oft gefragt und sich selber auch. Warum konnte sie ihn nicht retten? Warum kann er nicht von dieser Sucht weg?

Heute wollte sie mit ihm zusammen zu einer Therapie gehen um herauszufinden, ob es etwas Psychisches ist, aber wie so oft ist Philipp nicht aufgetaucht. Und jetzt muss sie den Termin absagen und ist dazu noch pitschnass.
Ein bisschen wütend ist sie schon, weil er sich vielleicht nicht helfen lassen will, weil es immer noch eine Art Rebellion gegen sie ist. Sie, die Schwester, die ihn in seinen Augen als Kind im Stich gelassen hat.

Sie macht sich auf den Weg nach Hause. Überlegt ob sie vielleicht in seiner Wohnung vorbeischauen sollte. Hoffentlich hat er nichts angestellt. Er ist momentan auf Bewährung und diesmal würde er für länger als 14 Monate ins Gefängnis gehen müssen.
Sie beschließt sich erstmal trockene Sachen zu Hause anzuziehen, bevor sie zu ihm fährt. Sie muss sich ja nicht auch noch eine Erkältung einfangen. Und außerdem ist bis dahin ihre Wut hoffentlich verraucht und sie kann mit ihm im normalen Ton reden. Ohne zu schreien. Wie es ihre Mutter immer getan hat, bevor sie ins Heim gekommen sind.

Ist sie wie ihre Mutter? Oder waren sie und ihr Bruder als Kinder schon so unzuverlässig und deshalb wurde ihr Mutter so schnell wütend?
Aber sind kleine Kinder nicht immer etwas chaotisch und laut?

Sie versucht nicht mehr daran zu denken. Sondern sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Sie muss nach Hause, sich umziehen und Philipp suchen. Vielleicht ist er einfach nur auf der Couch vor dem Fernseher eingeschlafen und hat die Zeit vergessen.
Vor ihrem Haus sucht sie ihren Türschlüssel in der Tasche und schließt dann die Haustür auf. Bevor sie die Treppen nach oben geht, wringt sie ihre Jacke noch vor der Tür aus. Sie muss ja nicht alles voll tropfen im Flur.
Als sie in ihrer Wohnung ist fällt ihr Blick in den Spiegel im Flur. Sie sieht aus wie ein begossener Pudel und genauso fühlt sie sich auch; traurig und nass.
Schnell geht sie ins Bad und zieht die nassen Klamotten aus. Danach steigt sie erstmal in die Dusche, wenn Philipp schläft, kann er jetzt auch noch eine Stunde länger schlafen, sie muss sich zuerst aufwärmen.
Das warme Wasser fühlt sich angenehm auf ihrer Haut an. Nach einer längeren Zeit reißt sie sich zusammen und klettert aus der Dusche um sich anzuziehen.
Im Flur schaut sie das Telefon an. Soll sie ihn vielleicht nur anrufen? Sie weiß nicht ob sie jetzt noch die Kraft dazu hat ihm ins Gesicht zu blicken und im zu erklären wie wichtig ihr das alles ist. Wie wichtig es ist, dass er ein geregeltes Leben führen kann, dass sie wieder eine Familie sein können. Warum kann er das nicht sehen? Ist es nicht auch das was er sich immer gewünscht hat? Wieder eine Familie sein!?

Als es an ihrer Tür klingelt, schreckt sie aus ihren Gedanken hoch. Schnell zieht sie sich was an und hastet zur Tür. Vielleicht ist das Philipp, um sich zu entschuldigen. Auch wenn er eine fadenscheinige Entschuldigung hätte, würde sie den guten Willen dahinter erkennen und es gut sein lassen. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Es kann doch alles gut werden, denkt sie noch, bevor sie die Tür öffnet.
Doch nichts wird gut, denn vor der Tür steht nicht Philipp.

Ein anderer Mann, ein fremder Mann, der ihr eine Polizeimarke unter die Nase hält.
Er sei wegen Philipp hier, aber er möchte das nicht im Flur besprechen. Ob er nicht hereinkommen könnte. Zögerlich tritt sie zur Seite und lässt ihn durch.
Innerlich wird sie schon wieder sauer. Philipp ist bestimmt wieder verhaftet worden. Dass er sie dann vom Polizeirevier aus anrufen würde und nicht ein Polizist extra zu ihr nach Hause kommen würde, darüber denkt sie nicht nach. Will sie vielleicht nicht nachdenken.

Sie folgt dem Mann in die Küche. Dort setzt sie sich an den Tisch. Der Mann bleibt stehen und schaut sie kurz an, bevor er sich räuspert und ihr sagt warum er wirklich da ist.

Es täte ihm leid sagt er. Aber ihr tut es noch mehr leid, denn sie kann nicht weinen, ganz tief in ihrem Inneren ist sie sogar ein ganz klein wenig erleichtert. Nun muss sie sich nicht mehr um ihn kümmern. Dass er seine Miete bezahlt. Sorgen machen ob er noch mal was anstellen könnte.
Erst nach und nach wird ihr so richtig klar, wie kalt das klingt und dann versteht sie was ihr der Mann sagt.

Philipp ist tot. Er hat sich umgebracht, in seiner Wohnung. Gestern Abend schon.
Eine Nachbarin hat ihn gefunden und es der Polizei gemeldet.
Er hatte einen Brief geschrieben. Einen Brief an sie. Nein, keinen Brief, eine kurze Notiz. Der Polizist gibt sie ihr und sie kann erst nicht begreifen was sie da liest.

„Es tut mir leid, aber ich kann dir und mir dieses Leben nicht mehr zumuten. Du hast dein Bestes gegeben, aber ich bin damals zerbrochen. Du konntest mich nicht mehr zusammen kleben.“

Und dann kommen doch die Tränen.


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